Kurzbeschreibung
Abhängigkeitsbeziehungen bezeichnen wiederkehrende Beziehungsmuster, in denen Menschen sich innerlich dauerhaft unterlegen oder überlegen erleben und Beziehung vor allem über Macht, Kontrolle oder Anpassung organisieren. Sie beruhen auf inneren Beziehungsbildern von Unterlegenheit und Überlegenheit (vgl. Korpiun 2024) und unterscheiden sich von situativer Abhängigkeit durch ihre Stabilität, Wiederkehr und biografische Verankerung.
Praktische Bedeutung
Das Modell der Abhängigkeitsbeziehungen erweitert das von Fanita English (1976, 1977) beschriebene Konzept der Ausbeutungsbeziehungen um eine konsequent relationale Perspektive. Es hilft zu verstehen, warum Menschen sich immer wieder in Beziehungen wiederfinden, in denen sie sich ausgeliefert fühlen oder ihrerseits andere dominieren. Abhängigkeitsbeziehungen sind in Organisationen und Teams ebenso verbreitet wie in Paar- oder Familienkonstellationen. Das Modell macht sichtbar, wie innere Beziehungsbilder von „oben*“ und „unten“ das Erleben von Autorität, Augenhöhe und Verantwortung prägen. Es liefert damit einen konkreten Ansatzpunkt, um diese Muster bewusst zu machen und konstruktiv zu bearbeiten. In Organisationen ist es besonders relevant für das Verständnis von *Kulturen der Über- und Unterverantwortung (vgl. Hagehülsmann & Hagehülsmann 2007, S. 211 ff.).
Beschreibung
Abhängigkeitsbeziehungen werden relational als typische Verknüpfungen von inneren Beziehungsbildern verstanden, in denen sich Menschen entweder als dauerhaft unterlegen oder überlegen erleben (vgl. Korpiun 2024, S. 323 f.). Zentral ist die Frage, wie Menschen sich selbst und andere in Bezug auf Macht, Einfluss und Selbstbestimmung sehen. Menschen mit einem unterlegenen Beziehungsbild neigen dazu, Verantwortung abzugeben, Autoritäten zu idealisieren oder in verdeckten Widerstand zu gehen. Menschen mit einem überlegenen Beziehungsbild übernehmen übermäßig Verantwortung, kontrollieren andere oder nutzen Abhängigkeit, um Sicherheit zu gewinnen.
Aus relationaler Sicht können Abhängigkeitsbeziehungen als Kombination bestimmter Beziehungsformen (zum Beispiel Ich‑es- oder Ich‑oder‑du-Beziehungen) und innerer Beziehungsbilder verstanden werden. Korpiun (2024) differenziert vier typische Konstellationen: (1) symbiotische Versorgungsbeziehungen bei komplementären Bildern von Überlegenheit und Unterlegenheit, (2) kritische Ärgergemeinschaften bei beidseitig überlegenen Beziehungsbildern, (3) unterwürfige Leidensgemeinschaften bei beidseitig unterlegenen Beziehungsbildern sowie (4) Pseudobeziehungen einschließlich politischer Taktik. Jede dieser Konstellationen kann konsonant (scheinbar stimmig) oder dissonant (offen konflikthaft) ausgeprägt sein.
Abhängigkeitsbeziehungen werden nicht moralisch bewertet, sondern als Ausdruck von Schutzstrategien verstanden, die in früheren Kontexten funktional waren, heute aber Entwicklung begrenzen. Ihre Selbstreferenzialität – innere Beziehungsbilder bestätigen sich selbst in konkreten Beziehungserfahrungen – macht ihre Veränderung herausfordernd. Korpiun & Thiele (2017) zeigen, dass Macht ein Beziehungsgeschehen ist, das Beziehungen sowohl fördern als auch einschränken kann. Die Bewusstmachung der jeweils verdeckten Seite (z. B. die projektive Idealisierung bei Menschen mit unterlegenem Beziehungsbild oder die Grandiosität bei überlegenem Beziehungsbild) ist ein zentraler Hebel für Veränderung.
Typische Ausprägungen von Abhängigkeitsbeziehungen

Quelle: Korpiun, M. (2024). Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Eine relationale Erweiterung des Verständnisses von Grundpositionen. In: Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41. Jg., H. 4, S. 324.
Anwendung
In der Psychotherapie unterstützt das Modell die Analyse von Beziehungen, in denen Klient:innen sich wiederholt ohnmächtig, ausgeliefert oder überfordert erleben. Durch die gemeinsame Untersuchung der zugrunde liegenden inneren Beziehungsbilder kann ein Übergang zu mehr Augenhöhe und geteilter Verantwortung vorbereitet werden. Besonders hilfreich ist die Arbeit an den jeweils ausgeblendeten Teilen – etwa der Aufwertung anderer bei gleichzeitiger Selbstabwertung.
In Beratung und Coaching trägt das Konzept dazu bei, verdeckte Abhängigkeitsmuster in Führung und Zusammenarbeit sichtbar zu machen. In Organisationen kann untersucht werden, in welchen Strukturen Mitarbeitende in dauerhafte Unterordnung geraten oder Führungskräfte unbewusst in Überverantwortung verbleiben. Das eröffnet Spielräume, Autorität bewusster und relational zu gestalten. Die Verbindung zum Modell Autorität & Augenhöhe liegt auf der Hand: Wo Autorität nicht eingewilligt, sondern als Zwang erlebt wird, stabilisieren sich Abhängigkeitsbeziehungen.
In Bildung und Training können typische Abhängigkeitsdynamiken mithilfe von Rollenspielen, Aufstellungen und Reflexionen erfahrbar gemacht werden. Teilnehmende lernen, eigene Muster zu erkennen und alternative Formen von Beziehungsgestaltung zu erproben, etwa durch die bewusste Einübung von Ich‑du‑ oder Ich-es-du-Beziehungen auf Augenhöhe.
Beispiele
Coaching: Eine Führungskraft berichtet, sie sei „für alles zuständig“ und das Team arbeite ohne sie nicht. Die Analyse zeigt eine Abhängigkeitsbeziehung, in der die Führungskraft sich innerlich überlegen erlebt und Mitarbeitende unbewusst in einer unteren Position hält. Durch die Arbeit an Verantwortungsteilung und Augenhöhe verändert sich diese Dynamik schrittweise.
Paarberatung: Eine Person delegiert zentrale Lebensentscheidungen systematisch an den Partner. Die zugrunde liegenden inneren Beziehungsbilder von Unterlegenheit – verbunden mit der Aufwertung des Partners als „kompetenter“ und „durchsetzungsstärker“ – werden gemeinsam exploriert, um neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
Organisation: Mitarbeitende erwarten Veränderungen grundsätzlich „von oben“ und nutzen eigene Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Gleichzeitig beklagen sie mangelnde Beteiligung. Das Modell hilft zu verstehen, wie Kultur und Struktur dieses Muster stabilisieren und wie über Dialog, Transparenz und geteilte Verantwortung neue Formen der Zusammenarbeit entstehen können.
Quellen
- English, F. (1976): Racketeering. Transactional Analysis Journal, 6(1), 78–81.
- English, F. (1977): What Shall I Do Tomorrow? In: Barnes, G. (Hrsg.): Transactional Analysis after Eric Berne. New York: Harper’s College Press, S. 287–307.
- Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
- Korpiun, M. & Thiele, M. (2017): Beziehungsmacht. Was Macht in Beziehungen macht. In: Korpiun, M., Lecour, M. & Thiele, M. (Hrsg.): Macht & Management. Hannover: In Relation Publications, S. 11–37.
- Hagehülsmann, U. & Hagehülsmann, H. (2007): Der Mensch im Spannungsfeld seiner Organisation. 3. Aufl., Paderborn: Junfermann.