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Autorität & Augenhöhe

Kurzbeschreibung

Das Modell beschreibt unterschiedliche Beziehungsformen entlang der Dimensionen Autorität (vorhanden/nicht vorhanden) und Augenhöhe (vorhanden/nicht vorhanden). Es zeigt, wie Autorität und Augenhöhe zugleich möglich sind – und löst damit eine häufig erlebte Unvereinbarkeit auf.

Praktische Bedeutung

Das Modell hilft, Führungs- und Autoritätsverständnisse zu differenzieren. In Wirtschaft und Gesellschaft ist der Begriff der Autorität oft negativ konnotiert (vgl. Korpiun 2022, S. 326). Das Modell ermöglicht, die scheinbare Unvereinbarkeit von „Autorität versus Augenhöhe“ aufzulösen, indem es verschiedene Formen von Autorität relational beschreibt. Dadurch wird deutlich, welche Formen Entwicklung fördern und welche Abhängigkeit oder Ohnmacht stabilisieren. Für Führungskräfte bietet es ein konkretes Reflexionsinstrument: Wie übe ich Autorität aus? Wird in meine Autorität eingewilligt? Findet unsere Begegnung auf Augenhöhe statt?

Beschreibung

Korpiun (2022, S. 326 f.) bietet eine etymologische Annäherung an Autorität: Sie leitet sich von lat. auctoritas bzw. auctor ab, was für Urheber steht. Autorität kann daher als Hebung oder Hervorbringung verstanden werden. Im Beziehungsraum bündelt Autorität Aufmerksamkeit auf etwas, das als relevant betrachtet wird. Die Nichtautorität kann als offener Potenzialraum aufgefasst werden, in dem nichts Spezifisches hervorgebracht wird, aber alles möglich ist. Dieses Verständnis ist einerseits relational (die Hervorbringung ist ein relationaler Akt), andererseits situativ-prozessual (es unterscheidet sich von formalen Autoritätsverständnissen).

Das Modell unterscheidet vier Felder: Autorität mit Augenhöhe (Einwilligung): Beziehungsgestaltung durch Inbesitznahme von Autorität einerseits und Einwilligung in diese andererseits als beidseitig bewusste Entscheidung. Autorität ohne Augenhöhe (Zwang): Beziehungsgestaltung unter gebietender Aus-Nutzung von Einfluss bzw. Macht bis zur Repression, in die nicht bewusst eingewilligt wird. Keine Autorität, aber Augenhöhe (Aushandlung): Ebenbürtige und paritätische Exploration sowie Aushandlung von Interessen und Bedürfnissen. Weder Autorität noch Augenhöhe (Manipulation): Beziehungsgestaltung durch unbewusste, verdeckte oder implizite Einflussnahme (vgl. Korpiun 2022, S. 327).

Führung wird in diesem Modell als Prozess der Einflussnahme darauf verstanden, wie in einem Team oder einer Organisation Aufmerksamkeit fokussiert wird. Sie konstituiert sich aus dem integralen und kokreativen Prozess von Leadership und Followership – ein Zusammenhang, den bereits Berne (1963) formulierte. Führung ist damit ein Gruppenprozess und nicht die Funktion oder das Verhalten einer einzelnen Führungskraft. Der Fokus von Beziehungsorientierung liegt auf der Förderung von Begegnungen auf Augenhöhe – unabhängig davon, ob sie von Autorität oder Parität geprägt sind (vgl. Korpiun 2020, 2022).

Autorität und Augenhöhe

Quelle: Korpiun, M. (2022): Augenhöhe und ihre Bedeutung für gelingende Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 39(4), S. 327.

Anwendung

In Führungscoachings kann das Modell genutzt werden, um das eigene Autoritätsverständnis zu klären und alternative Formen von Autoritätsausübung zu entwickeln. Leitfragen sind: „Welchen Gestaltungswillen und -anspruch habe ich?“ „Wo nehme ich Autorität in Besitz? Wo weiche ich ihr aus?“ und „Willigen meine Mitarbeitenden in meine Autorität ein ( Followership) oder erleben sie Zwang ( Anpassung)?“

In Organisationen dient das Modell als Rahmen, um Führungsleitbilder, Rollenbeschreibungen und Entscheidungsprozesse reflexiv zu überprüfen. Wo klare Autorität auf Augenhöhe gelebt wird, entsteht Orientierung. Wo Autorität fehlt oder nur als Zwang erlebt wird, entstehen Verunsicherung oder Widerstand. Die Verbindung zur Führungs-Triade liegt darin, dass unterschiedliche Führungsfunktionen unterschiedliche Ausprägungen von Autorität erfordern.

In Beratung und Supervision kann das Modell die Reflexion der eigenen professionellen Autorität unterstützen: Wie nehme ich als Berater:in Autorität in Besitz? Wie gestalte ich die Balance zwischen Autorität (z. B. Expertise, Prozesssteuerung) und Augenhöhe (z. B. Nicht-Wissen, gemeinsame Exploration)? In Bildungskontexten hilft es, das Spannungsfeld von Wissensvermittlung und kokreativem Lernen zu reflektieren.

Beispiele

Organisation: Gewünschte Beteiligung gelingt nicht, weil Autorität entweder rigide verteidigt oder vollständig relativiert wird. Das Modell unterstützt den Dialog darüber, wo klare Autorität notwendig ist und wie sie so gestaltet werden kann, dass Augenhöhe gewahrt bleibt.

Führungscoaching: Eine Führungskraft beschreibt, dass sie sich nicht traut, klare Ansagen zu machen, weil sie „Autorität“ mit „autoritär“ gleichsetzt. Das Modell hilft, ein positives Autoritätsverständnis zu entwickeln: Autorität als Hervorbringung, in die eingewilligt wird.

Team: Ein Team erlebt, dass Entscheidungen sich endlos verzögern, weil niemand bereit ist, Autorität zu übernehmen. Das Modell zeigt, dass das Team sich im Feld „Augenhöhe ohne Autorität“ befindet – mit der Folge von Verantwortungsdiffusion und Beliebigkeit. Die Entwicklung zielt auf die bewusste Übernahme von Autorität bei gleichzeitiger Wahrung von Augenhöhe.

Quellen

  • Korpiun, M. (2024): The Leadership Triad. A Relational Model. Transactional Analysis Journal, 54(3), 245–260.
  • Korpiun, M. (2022): Augenhöhe und ihre Bedeutung für gelingende Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 39(4), 317–332.
  • Korpiun, M. (2020): Relational Organizational Development. Transactional Analysis Journal, 50(3), 207–220.
  • Berne, E. (1963): Structure and Dynamics of Organizations and Groups. New York: Ballantine Books.