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Konsonante & dissonante Begegnungen

Kurzbeschreibung

Das Modell beschreibt unterschiedliche Ausprägungen von konsonanten (stimmigen) und dissonanten (spannungsreichen) Begegnungen, jeweils differenziert nach Begegnungen auf Augenhöhe und ohne Augenhöhe. Es spannt damit einen vierfeldrigen Gestaltungsraum für Begegnungen auf.

Praktische Bedeutung

Das Modell bietet einen orientierenden Überblick über mögliche Qualitäten von Begegnungen. Es zeigt, dass sowohl konsonante als auch dissonante Begegnungen Entwicklung fördern können – entscheidend ist, ob sie auf Augenhöhe stattfinden. Damit hilft es, Konflikte und Spannung als potenziell konstruktive Kräfte zu verstehen. Gleichzeitig deckt es auf, dass scheinbare Harmonie (konsonant ohne Augenhöhe) Entwicklung eher verhindern kann als produktiver Streit (dissonant auf Augenhöhe).

Beschreibung

In der Musik werden Konsonanzen als nicht auflösungsbedürftige Tonkombinationen verstanden. Übertragen auf Beziehungen werden konsonante Begegnungen als stimmig, mitschwingend, vertraut oder aufeinander bezogen empfunden. Die damit verbundenen energetischen Muster sind eher fließend, mäandrierend, strömend, auf- und abschwellend. Dissonanzen wiederum sind auflösungsbedürftige Tonkombinationen. Dissonante Begegnungen werden als anders, fremd, irritierend, störend bis hin zu verstörend empfunden. Ihre energetischen Muster sind eher impulshaft, zugespitzt, aufeinandertreffend, schnell wechselnd oder unterbrochen (vgl. Korpiun 2022, S. 322 f.).

Die Kombination mit Augenhöhe spannt einen Vier-Felder-Raum auf: Konsonant auf Augenhöhe meint vertiefte Begegnung, Intimität, dialogische Haltung, Kokreativität, Innovation und Zugang zu kollektivem Sinn. Konsonant ohne Augenhöhe zeigt sich in Symbiosen, Trübungen, Mustern von Über- und Unterverantwortung und Passivität. Dissonant auf Augenhöhe umfasst Meta-Reflexion, Feedback, Konfrontation, Debatte, Abgrenzung und Konsequenz. Dissonant ohne Augenhöhe zeigt sich in Abwertungen, Verletzungen, Machtkämpfen, Doppelbödigkeiten, Sarkasmus und Spielauszahlungen.

Korpiun (2022) zeigt: Wenn Druck aufs System kommt (z. B. wirtschaftliche Ziele werden nicht erreicht), verstärkt sich oft die Tendenz zu dissonanten Begegnungen ohne Augenhöhe. Was es stattdessen braucht, sind konsonante Begegnungen auf Augenhöhe. Im konsonanten Beziehungsraum auf Augenhöhe tendieren Menschen dazu, sich zu öffnen und sich ganzheitlicher aufeinander einzulassen. Diese Begegnungen bieten das größte Potenzial für gelingende Beziehungen.

Beziehungsorientierung bedeutet, sich bewusst im Raum konsonanter und dissonanter Begegnungen zu bewegen und sich situativ für sinnvolle Begegnungsformen zu entscheiden. Beide Formen haben ihre Berechtigung. Insbesondere in komplexen, unsicheren Situationen sind konsonante Begegnungsformen hilfreich, damit kokreative Räume und neues, gemeinsam erfahrenes Denken und Fühlen entstehen können (vgl. Korpiun 2022, S. 324 ff.).

Konsonante und dissonante Begegnungen

Quelle: Korpiun, M. (2022): Augenhöhe und ihre Bedeutung für gelingende Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 39(4), S. 323.

Anwendung

Das Modell kann in Reflexionsprozessen genutzt werden, um die Qualität konkreter Begegnungen zu untersuchen: „In welchem Feld bewegen wir uns gerade?“ und „Welche Begegnungsform wäre der Situation angemessen?“ Es eignet sich für Einzelselbstreflexion ebenso wie für Team- und Organisationsentwicklungsprozesse. In Führungsteams kann es helfen, typische Begegnungsmuster zu identifizieren und gezielt zu verändern.

In Beratung und Coaching unterstützt das Modell die Unterscheidung zwischen produktiver Dissonanz (z. B. kritisches Feedback auf Augenhöhe) und destruktiver Dissonanz (z. B. Abwertung, Verachtung). Es hilft Fachleuten, Konflikte nicht vorschnell glätten zu wollen, sondern ihre Qualität zu differenzieren. Ebenso macht es den Unterschied zwischen echter Harmonie (konsonant auf Augenhöhe) und Pseudo-Harmonie (konsonant ohne Augenhöhe) greifbar.

In Bildung und Training lässt sich das Modell nutzen, um Lernräume differenziert zu gestalten: Wann braucht eine Gruppe eher konsonante Formate (z. B. Dialog, gemeinsame Exploration)? Wann braucht sie dissonante Formate (z. B. Debatte, Feedback)? In jedem Fall ist Augenhöhe die entscheidende Rahmenbedingung.

Beispiele

Teamworkshop: Ein Team beschreibt seine Kultur als harmonisch, doch Konflikte werden systematisch vermieden. Das Modell hilft zu erkennen, dass es sich um konsonante Begegnungen ohne Augenhöhe handelt, die ehrlichen Austausch verhindern. Ziel wird, mehr dissonante, aber auf Augenhöhe geführte Begegnungen zu ermöglichen – z. B. durch die Einführung strukturierter Feedback-Formate.

Führungsteam: Unter Ergebnisdruck verschärft sich der Ton, Kritik wird persönlich. Das Modell zeigt, dass das Team in den Bereich „dissonant ohne Augenhöhe“ gerutscht ist. Die Intervention zielt darauf, zunächst Augenhöhe wiederherzustellen – etwa durch Verlangsamung, Spiegelung und die bewusste Ent-Personalisierung von Sachkritik.

Organisationsentwicklung: In einem großen Unternehmen zeigt sich, dass Innovation stagniert. Die Analyse ergibt, dass konsonante Begegnungen auf Augenhöhe (kokreative Räume) kaum stattfinden. Stattdessen dominieren parallele Einzelarbeit und formale Abstimmungen. Durch die Einführung dialogischer Formate wird der Raum für konsonante Begegnungen auf Augenhöhe geöffnet.

Quellen

  • Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
  • Korpiun, M. (2022): Augenhöhe und ihre Bedeutung für gelingende Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 39(4), 317–332.