Kurzbeschreibung
Emergenter kollektiver Bewusstseinszustand als Begegnungsraum von Menschen, der leiblich und energetisch spürbar ist. Er beschreibt das, was wir voneinander erfassen, noch bevor das erste Wort gesprochen ist – die Atmosphäre, in der Beziehungen stattfinden.
Praktische Bedeutung
Das Modell des relationalen Feldes macht die „unsichtbare“ jedoch zugleich existenzielle Ebene von Beziehungen gedanklich und sprachlich zugänglich. Es hilft zu verstehen, warum Gespräche, Teamsitzungen oder Gruppenprozesse trotz gleicher Themen völlig unterschiedlich erlebt werden. Das Feld bündelt implizites Beziehungswissen: Stimmungen, Erwartungen, innere Bilder und unausgesprochene Konflikte. Wenn wir das relationale Feld bewusst wahrnehmen, können wir früh erkennen, ob Kontakt gelingt, ob Menschen präsent sind oder sich innerlich entziehen, ob Angst, Aggression oder Resonanz im Raum sind. Damit wird das Feld zu einem zentralen Fokus für alle, die mit Menschen, Teams und Organisationen arbeiten.
Beschreibung
Das relationale Feld beschreibt die Qualität des Beziehungsraums, der entsteht, wenn Menschen einander begegnen. Es ist kein zusätzlicher „Gegenstand“, sondern ein emergentes Phänomen: Es entsteht aus dem Zusammenwirken vieler Faktoren und lässt sich nicht auf einzelne Personen reduzieren. Im Feld verdichten sich innere Beziehungsbilder, Erwartungen, Affekte, Körperreaktionen, gruppendynamische Prozesse und organisationale Kontexte.
Aus relationaler Perspektive ist das Feld die grundlegende Ebene, auf der Begegnung stattfindet. Beziehungsatmosphäre ist ein Ausdruck dieses Feldes: das unmittelbare, oft vorsprachliche Spüren von Nähe oder Distanz, Wärme oder Kälte, Offenheit oder Verschlossenheit. Neurobiologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse (Spiegelneuronen, soziale Resonanz, Theorie des relationalen Selbst) unterstützen diese Sicht: Wir sind leiblich aufeinander abgestimmt und beeinflussen uns fortwährend gegenseitig.
Sell beschreibt das relationale Feld als bewussten und unbewussten Resonanzraum, in dem Interaktion, Transaktion und Relation zusammenwirken. Es umfasst sowohl die vertikale Dimension (biografisch geprägte Muster, Übertragung und Gegenübertragung) als auch die horizontale Dimension (aktuelle Gruppendynamik, organisationaler Kontext, Sinn- und Auftragslage). Das Feld ist damit eine Brücke zwischen individueller Erfahrung, Beziehungsdynamiken und organisationalen Prozessen.
In der Praxis unterscheidet es sich von einem rein intrapsychischen Verständnis: Nicht „der Klient“ oder „die Führungskraft“ werden isoliert betrachtet, sondern die Qualität des gemeinsamen Feldes, das sie miteinander bilden. Dieses Feld kann konsonant und tragfähig sein – oder fragmentiert, gespalten, mit Angst oder Misstrauen geladen. Veränderung wird dann nicht als Intervention am Einzelnen verstanden, sondern als Einflussnahme auf das Feld als Ganzes.
Relationales Feld

Quelle: Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 322.
Anwendung
Das Modell des relationalen Feldes lässt sich in allen vier Anwendungsfeldern der TA nutzen. In der Psychotherapie unterstützt es dich dabei, Übertragung und Gegenübertragung nicht als „Störung“ zu sehen, sondern als Hinweise auf das Feld zwischen dir und deinem Klienten. Du kannst dich fragen: Was spüre ich im gemeinsamen Raum? Welche Affekte, Körperreaktionen und Bilder tauchen auf? Wie verändert sich das Feld, wenn ich etwas anspreche oder schweige?
In Beratung und Coaching hilft dir das Feld, nicht nur die Person, sondern die gesamte Beziehungssituation im Blick zu behalten. Mit Führungskräften kannst du danach fragen, wie sich Meetings „anfühlen“, welche unausgesprochenen Themen im Raum stehen und wie sich die Atmosphäre verändert, wenn bestimmte Personen sprechen oder den Raum betreten.
In Bildung und Training kannst du das Feld nutzen, um Lernräume bewusst zu gestalten. Fragen wie „Wie müssen wir den Raum gestalten, damit wir gemeinsam gut denken können?“ oder „Was brauchen wir, damit sich alle zeigen können?“ nehmen das Feld explizit in den Blick.
In Organisationen verbindet das relationale Feld individuelle Erfahrungen mit kollektiven Beziehungsbildern und Kultur. Es knüpft an Modelle wie Beziehungsraum, Beziehungsatmosphäre, kollektives Beziehungsbild und organisationaler Entwicklungsraum an. Während der Beziehungsraum eher die Struktur von Beziehungen beschreibt, fasst das Feld deren energetische Qualität zusammen.
Besonders gut kombinierbar ist das Modell mit: Beziehungsraum („Wieviel Platz haben wir füreinander?“), Beziehungsatmosphäre („Wie fühlt es sich an?“), Beziehungsbildern („Mit welchen inneren Bildern gehen wir in dieses Feld?“) und dem organisationalen Entwicklungsraum („Wie reif ist das Feld für Veränderung?“).
Beispiele
Psychotherapie: Eine Klientin erzählt sachlich von einem Konflikt, doch du spürst eine schwere, gedrückte Stimmung im Raum. Obwohl keine dramatischen Worte fallen, wirkt das Feld „eingefroren“. Wenn du dieses Erleben ansprichst – etwa mit „Während wir sprechen, wirkt der Raum hier sehr schwer. Geht es dir mit diesem Konflikt ähnlich?“ – öffnet sich oft ein Zugang zu bislang unausgesprochenen Gefühlen.
Coaching: In einem Führungsteam-Workshop merkst du bereits in der Ankommensrunde, dass viele Blicke gemieden werden und Beiträge knapp bleiben. Das Feld wirkt angespannt und vorsichtig. Statt direkt in Inhalte einzusteigen, adressierst du zunächst das Feld: „Ich erlebe uns hier im Moment noch recht zurückhaltend. Woran könnte das liegen? Was brauchen wir, damit wir offener miteinander sprechen können?“ So wird das Feld selbst zum Thema und kann sich verändern.
Organisation: Ein Unternehmen kommuniziert offiziell „Offenheit und Dialog“ als Leitwerte, doch in großen Runden herrscht Schweigen. Das relationale Feld ist von Angst und Misstrauen geprägt. In einer OE-Begleitung arbeitest du zunächst mit kleineren, geschützten Formaten, in denen Menschen Erfahrungen von Sicherheit, Containment und Augenhöhe machen. Diese neuen Felderfahrungen wirken nach und beeinflussen schrittweise auch größere Formate.
Bildung/Training: In einem Seminar erlebst du lebendige Diskussionen in Kleingruppen, aber kaum Wortmeldungen im Plenum. Du nutzt das Feld bewusst, indem du Reflexionen zunächst in Tandems spiegeln lässt und erst dann in die große Gruppe holst. So wird die Energie aus den kleinen Feldern in das große Feld übertragen.
Quellen
- Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
- Sell, M. (2018a): Interaktion – Transaktion – Relation. In: Franzen, G. (Hrsg.): Relationalität – Eine Festschrift zum 70. Geburtstag von Matthias Sell. S. 68–89.
- Sell, M. (2018b): Psychotherapie. Schriftenreihe Interaktionelle Relationale Grunderfahrung. Bd. 1, Hannover: INITA.
- Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 220-237
- Sell, M. (2026): Das Felddenken in der Transaktionsanalyse – Relationales Denken. In: DGTA (Hrsg.): Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der DGTA, S. xx-xx.
- Korpiun, M. & Korpiun, S. (2022): Relationales Selbst. In: Vom ICH zum WIR. Hannover: In Relation Publications, S. 73-142.