Kurzbeschreibung
Das kollektive Beziehungsbild (engl. collective imago in Anlehnung an den Imago-Begriff von Berne) beschreibt die gemeinsamen und unterschiedlichen inneren Bilder all jener, die sich auf eine Organisation beziehen. Es ist eine zentrale Größe für Kohäsion, Identität und Veränderungsfähigkeit von Organisationen (vgl. Korpiun 2020).
Praktische Bedeutung
Das Konzept macht sichtbar, welche impliziten kollektiven Vorstellungen von der Organisation das Denken und Handeln ihrer Mitglieder in Summe prägen. Es hilft zu verstehen, warum bestimmte Veränderungen auf Widerstand stoßen, warum bestimmte Narrative in der Organisation stabil sind und warum neue Strategien scheitern, obwohl sie „auf dem Papier“ überzeugend wirken. In der praxisorientierten Organisationsentwicklung ist das kollektive Beziehungsbild ein Schlüsselkonstrukt: Kohäsion entsteht nicht durch Strukturen allein, sondern durch abgeglichene kollektive Beziehungsbilder, gemeinsame Ausrichtung und gelebte Verbundenheit (vgl. Korpiun 2020). Sie verweisen auf die Tiefenstruktur von Organisationen.
Beschreibung
Das kollektive Beziehungsbild entsteht aus der Verdichtung individueller Beziehungsbilder und Organisationserfahrungen. Es umfasst u. a. Bilder davon, wie „die Organisation“ ist (z. B. fördernd, ausbeutend, bürokratisch, innovativ), welche Beziehungsgestalt zwischen Führung und Mitarbeitenden vorherrscht und wie sich die Organisation zur Umwelt verhält. Diese Bilder wirken häufig implizit, zeigen sich aber in Geschichten, Metaphern, Ritualen und alltäglichen Erzählungen (vgl. Korpiun 2020, S. 214 ff.).
Das kollektive Beziehungsbild knüpft an Eric Bernes Konzept des Group Imago an (vgl. Berne 1963), und erweitert es um die kollektive Dimension. Während Bernes Group Imago primär die individuelle Vorstellung einer einzelnen Person von der Gruppe beschreibt, fasst das kollektive Beziehungsbild die Gesamtheit und Wechselwirkung aller individuellen Bilder zusammen. Es ist damit nicht die Summe der Einzelbilder, sondern ein emergentes Phänomen – vergleichbar dem relationalen Feld auf organisationaler Ebene.
Relationale TA nutzt qualitative Methoden wie Interviews, Gruppendialoge, Metaphernarbeit und narrative Ansätze, um das kollektive Beziehungsbild zu erkunden und mit den Beteiligten in Reflexion zu bringen. Die sinnorientierte Schaffung von Kohäsion – verstanden als der Abgleich und die gemeinsame Weiterentwicklung kollektiver Beziehungsbilder – ist das zentrale Ziel relationaler Organisationsentwicklung.
Schaubild:
Tbd.
Anwendung
In OE-Prozessen kann das kollektive Beziehungsbild genutzt werden, um zu prüfen, ob das implizite Bild der Organisation zu ihren strategischen Zielen passt. Leitfragen sind: „Welches Bild haben Mitarbeitende von dieser Organisation?“, „Welches Bild hat die Führung?“ und „Stimmen diese Bilder überein?“. Der Bildabgleich (siehe Kapitel 5.13) ist das zentrale methodische Werkzeug hierfür.
In Veränderungsprozessen hilft das Konzept zu verstehen, warum Widerstand entsteht: Wenn das angestrebte Neue nicht zum bestehenden kollektiven Beziehungsbild passt, wird es als Bedrohung erlebt. OE-Begleitung kann dann darauf zielen, das kollektive Beziehungsbild schrittweise zu erweitern, statt es abrupt zu ersetzen. Veränderungen werden nicht nur strukturell, sondern auch narrativ und relational gestaltet.
In Führungsteams dient das Konzept dazu, die eigenen Bilder von der Organisation untereinander abzugleichen. Häufig zeigt sich, dass selbst in einem Leitungsteam sehr unterschiedliche Bilder existieren – was zu widersprüchlichen Botschaften und Verunsicherung führt. Der Abgleich ermöglicht eine kohärente gemeinsame Orientierung.
Beispiele
Mittelstandsunternehmen: Die Analyse des kollektiven Beziehungsbildes zeigt, dass die Organisation vor allem als „Familie“ gesehen wird. Dies fördert Zugehörigkeit, erweist sich aber als hinderlich bei notwendigen Trennungen und Professionalisierungsschritten. Im Rahmen einer OE wird ein neues, ergänzendes Bild entwickelt (z. B. „professionelle Gemeinschaft“), das beiden Bedürfnissen besser gerecht wird.
Konzern: Verschiedene Standorte eines Konzerns pflegen sehr unterschiedliche kollektive Beziehungsbilder. Der eine Standort sieht sich als „Innovationsschmiede“, der andere als „zuverlässiger Zulieferer“. Diese Bilder prägen die Zusammenarbeit und erzeugen Spannungen. Der Abgleich der Bilder ermöglicht eine differenziertere Wertschätzung der jeweiligen Beiträge.
Non-Profit-Organisation: Das kollektive Beziehungsbild zeigt, dass Mitarbeitende die Organisation als „Mission mit Sinn“ erleben, aber gleichzeitig das Bild von „Selbstausbeutung“ präsent ist. Die OE-Arbeit zielt darauf, Sinnorientierung beizubehalten und zugleich Bilder von Fürsorge und Nachhaltigkeit zu stärken.
Quellen
- Korpiun, M. & Thiele, M. (2016): Organisationen als sinnorientierte Konstitution kollektiver Beziehungsbilder. In: Lohkamp, H. & Raeck, C. (Hrsg.): Zukunft denken – Wandel gestalten. Lengerich: Pabst.
- Korpiun, M. (2020): Relational Organizational Development. Transactional Analysis Journal, 50(3), 207–220.
- Korpiun, M. (2025): Der organisationale Entwicklungsraum. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 42(3), 294–311.
- Berne, E. (1963): Structure and Dynamics of Organizations and Groups. New York: Ballantine Books.